Berner Oberl@nd News
 
Dienstag, 2. März 1999

«Nassschneelawinen von erstaunlichem Ausmass»

Immer noch kritische Lawinensituation in Niederried – Strasse wieder bis Oberried offen

S. Zwei wegen Lawinengefahr gesperrte Abschnitte der  rechtsufrigen  Brienzerseestrasse  – von Brienz bis Ebligen und von Oberried bis an die Gemeindegrenze zu Niederried – sind am späteren Dienstagnachmittag wieder für den allgmeinen Verkehr freigegeben worden. Weiterhin geschlossen sind demgegenüber das Strassenstück von Ebligen bis Oberried ebenso wie die Strecke Brienz--Interlaken Ost der Brünigbahn, nachdem am Samstag die Minacherilawine die Strasse und die Bahnlinie zwischen Ebligen und Oberried auf einer Länge von rund 60 Meter mehrere Meter hoch verschüttet hat. In Niedrried war die Lawinensituation am Dienstag nach dem Niedergang einer grossen Lawine vom Sonntagabend – siehe auch Bericht «Erneut Lawinenniedergänge am Brienzersee» von gestern Montag – weiterhin kritisch.

Hänge erst etwa zur Hälfte entladen: Lawinenkegel der Reindligrabenlawine in Niederried. (Foto: Peter Schmid)

Nach dem Niedergang der grossen Nassschneelawine in Niederried vom Sonntagabend wurde am späteren Montagnachmittag die Evakuierung von 22 Personen angeordnet. Fünf davon haben sich nach Angaben des Gemeindeführungsstabes jedoch geweigert, ihre Häuser zu verlassen. Die Lage in den möglichen Lawineneinzugsgebieten – siehe auch Bericht «Erneut Lawinenniedergänge am Brienzersee» von gestern Montag – war auch am späteren Dienstagnachmittag laut Gemeindeführungsstab immer noch kritisch und eine Entwarnung sei nicht in Sicht. Der Bezirksführungstab Interlaken hatte laut einem am Dienstagmorgen mit der Post an die Einwohner von Niederried verteilten Informationsschreiben damit gerechnet, dass sich die Hänge erst etwa zur Hälfte entladen hätten.

Schon am Samstag sei ein Ökonomiegebäude neben dem Reindligraben geräumt worden, und bereits nach dem Lawinenniedergang am Sonntagabend hätten fünf Personen – drei Erwachsene und zwei Kinder – ein nahegelegenes Wohnhaus verlassen: Nach Angaben des Niederrieder Zivilschutzchefs Mario Eggel wurde die Evakuierung von 16 Gebäuden mit 22 Bewohnern verfügt, und auch der Zugang zu einigen Ferienhäusern sei gesperrt worden. Fünf Personen hätten sich allerdings geweigert, ihre Häuser zu verlassen. Am späteren Montagnachmittag sei überdies ein Stall mit einem Esel und einem Pony geräumt worden. Neben dem von der Lawine verschütteten Waldweg sei auch eine Zufahrt zu neun Häusern im Wohngebiet «Halta» gesperrt worden.

«Im Gegensatz zu vielen anderen Gebieten hat sich die Lawinensituation für unser Dorf zugespitzt», führt der Niederrieder Gemeindeführungsstab in seinem Informationschreiben an die Einwohner aus: «Ungünstige Witterungseinflüsse und die anhaltende Wärme führen zu Nassschneelawinen von erstaunlichem Ausmass.» Zudem sei laut der Wettervorhersage für die nächsten Tage mit weiteren Schneefällen zu rechnen. Der Bezirksführungstab Interlaken habe die Lage in den möglichen Einzugsgebieten nach einem Rekognoszierungsflug immer noch als kritisch bezeichnet. Er rechne damit, dass sich die Hänge erst etwa zur Hälfte entladen hätten: «Auf Grund dieser Erkenntnisse wurden die Lawinenschutzzonen der Gemeinde Niederried vor allem im Reindligraben erweitert.» Zudem sei dem Gemeindeführungsstab nahegelegt worden, betroffene Gebiete unbedingt zu evakuieren.»

Sicherheitsregeln

In seinem Informationschreiben bittet der Gemeindeführungsstab die Bevölkerung dringend, folgende Sicherheitsregeln zu beachten:

– Den Weisungen des Gemeindeführungsstabes ist unbedingt Folge zu leisten.
– Lawinenkegel dürfen keinesfalls betreten werden.
– Abschrankungen und Strassensperren dürfen nicht entfernt oder verschoben werden.
– Die Gebiete um die drei Gräben (Talacker, Mätteli, Reindli) herum sollen im oberen Dorfteil nach Möglichkeit nicht betreten werden.
– Für dringende Anliegen kann der Gemeindeführungsstab rund um die Uhr unter den Telefonnummern 849’12’70 oder 079’334’76’66 erreicht werden.

Der Schnee schmilzt dahin und von Interlaken her ist auch die Strasse für den allgmeinen Verkehr wieder bis Oberried offen – die Zeiten, in denen die Oberrieder Hauptstrasse weitgehend den Fussgängern und Kinderschlitten gehörte, dürften fürs erste vorbei sein.

Kantonsstrasse wieder bis Oberried offen

Die seit Mittwoch, 24. Februar, wegen der prekären Lawinensituation nur bis Niederried für den allgemeinen Verkehr geöffnete Strasse Interlaken–Oberried konnte laut einer Mitteilung der Gemeinde Oberried  heute Dienstag um 17 Uhr wieder freigegeben werden. «Aufgrund der kontinuierlichen Verbesserung der Lage» könne auch die Kantonsstrasse von Brienz bis Ebligen geöffnet werden, wurde bereits am späteren Vormittag aus Oberried mitgeteilt. Weiterhin gesperrt bleibe jedoch die Strasse zwischen Ebligen und Oberried, wie Gemeindeschreiber André Chevrolet bestätigte. Am Samstag hatte die Minacherilawine Strasse und Bahnlinie zwischen Ebligen und Oberried auf einer Länge von rund 60 Meter bis zu sechs Meter hoch verschüttet. Abgesehen von kontrollierten Fahrten zwischen 6 und 8 Uhr, 11 bis 13 Uhr und 17 bis 19 Uhr) war auch der Strassenabschnitt zwischen Niederried und Oberried für den Verkehr gesperrt: Kontrollposten beim Bahnhof Oberried, beim Dörfli und an der Gemeindegrenze zu Niederried beim Fahrlauigraben liessen zu diesen Zeiten nur Einwohner von Oberried, Krankenwagen und Fahrzeuge mit Versorgungsgütern passieren. Einige der insgesamt 77 evakuierten Bewohner der Oberrieder Dorfteile Lauenen und Dörfli sind am Montag nach Angaben von Gemeindeschreibers André Chevrolet in ihre Häuser zurückgekehrt, nachdem die Evakuierungen auf die Stufe «Freiwillig» zurückgenommen worden seien.

Auf dem Brienzersee – nicht mehr ab Bönigen, sondern ab Interlaken Ost – verkehrte auch am Diestag ein Schiff: Nach Angaben des BLS-Schiffsbetriebes waren aber mit Ausnahme eines Kurses am Morgen und am Abend von und nach Brienz nur noch Fahrten  bis Oberried vorgesehen.

Strasse nach Habkern vorübergehend verschüttet

Ein mit Holz durchsetzter Schneerutsch hat die Strasse Interlaken–Habkern im Bereich Höllgraben zwischen Rossgrind und Lombachbrücke am späteren Dienstagvormittag verschüttet. Nach rund anderthalb Stunden – von etwa 11.15 bis 12.45 Uhr – war die Strasse nach Angaben des Strasseninspektorats Interlaken geräumt und konnte wieder für den Verkehr freigegeben werden.

Die Situation bei der Brüniglinie der SBB

Die bereits seit dem 6. Februar zum zweitenmal in diesem Winter wegen Lawinengefahr gesperrte Strecke Brienz–Interlaken Ost der Brünigbahn bleibt nach dem Niedergang der Minacherilawine bei Ebligen  vorerst weiterhin geschlossen. Nach neuesten Informationen aus SBB-Kreisen – offizielle Presseinformationen waren auch auf mehrfache Anfrage hin am Dienstag in Luzern nicht erhältlich – wird voraussichtlich am Donnerstag mit der Räumung des meterhoch verschütteten Bahntrassees begonnen, doch erscheint es als unsicher und auch von der weiteren Entwicklung der Lage abhängig, ob bereits am Samstag wieder Züge fahren können. Seit der Öffnung der linksufrigen Autostrasse A 8 verkehren seit Montag zwischen Brienz und Interlaken Interlaken Ost auch wieder Bahnersatzbusse. Nach der Öffnung der Strasse nach Oberried sollen auch auf dieser Strecke wieder Bahnersatzbusse eingesetzt werden. Auf der infolge von Reparaturarbeiten nach einem Erdrutsch und wegen der Lawinengefahr gesperrten Eisenbahnstrecke Giswil–Kaiserstuhl wurde am Dienstagnachmittag damit gerechnet, dass erst am  Donnerstag wieder Züge fahren können. Auf der nach einer Sperrung des Strassenabschnitts Giswil–Lungern  wieder geöffneten  Brünigstrasse verkehren zwischen Giswil und Meiringen Bahnersatzbusse.

Tue, 02 Mar 1999 10:02:05 +0100

Leserbrief an die Berner Oberl@nd News

Carsten Gier aus Aachen (Deutschland) schreibt: Da ich sehr oft nach Adelboden in Urlaub fahre, interessiert mich natürlich auch die übrige Zeit im Jahr, was denn da oben so los ist. Meistens erfahre ich auf deiner Homepage die Latest News. Es wäre jedoch schön, wenn noch mehr Infos über Kander- und Engstligental auf deinen Seiten zu finden wären.

Anmerkung der Redaktion: Der Wunsch ist sehr berechtigt – trotz Hightech-Kommunikationsmittel ist das westliche Berner Oberland ist aber halt eben doch etwas gar weit entfernt, so dass die Informationen nicht so ohne weiteres bis an die Ufer des Brienzersees gelangen. Vielleicht aber erbarmt sich der eine oder andere Leser aus der Gegend und schickt gelegentlich einen kleinen Beitrag für die Berner Ober@nd News nach Ringgenberg ... oder mach doch ganz einfach einmal  Ferien zu Füssen von Eiger, Mönch und Jungfrau, am kristallklaren Brienzersee oder im schönen Oberhasli!

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