Berner Oberl@nd News
 
Samstag, 20. März 1999

Etwa 600 Hektaren Wald vernichtet

BUWAL und WSL: «Der Schutzwald hat den Lawinentest bestanden»

pd/S. Rekordschneemengen, Todesopfer, abgeschlossene Täler, unterbrochene Verkehrswege, mehrere hundert Schadenlawinen – der Februar 1999 werde als Katastrophenwinter in die Geschichte eingehen. Dass es trotzdem nicht noch bedeutend schlimmer gekommen sei, ist nach Einschätzung des Bundesamtes für Umwelt, Wald und Landschaft (BUWAL) und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) vor allem dem Schutzwald zu verdanken: «Er hat den Lawinentest bestanden», heisst es in einer Medienmitteilung.

Wieviel Holz – zerfetzte Äste und kurz und klein geschlagene Baumstämme – eine am Sonntagabend, 28. Februar 1999 (siehe auch Berichte vom Montag, 1. März, und Dienstag, 2. März) in Niederried am Brienzersee niedergegangene grosse Nassschneelawine mit sich gerissen hat, ist, wie unser Bild von heute Samstag zeigt, erst sichtbar geworden, nachdem in den vergangenen drei Wochen ein grosser Teil des Lawinenschnees geschmolzen ist. (Foto: Peter Schmid)

Trotz aller Schutz- und Vorsorgemassnahmen seien 17 Menschen in den Lawinen umgekommen, heisst es im weiteren: «Die Sachschäden sind absolut gesehen gross: Vorläufige Berechnungen ergeben rund 200 Millionen Franken direkte Schäden und über 800 Millionen Franken indirekte Schäden in Tourismus, Verkehr und Stromversorgung.» Der Schutzwald habe jedoch den Lawinentest bestanden: «Denn im Waldgebiet selber sind nur wenige Lawinen angebrochen.» Die Aufforstungen, die nach dem Lawinenwinter 1951 vorgenommen worden seien, hätten sich ausgezahlt: «Die Ergebnisse des zweiten Landesforstinventars zeigen, dass 64 Prozent des Lawinenschutzwaldes eine gute Schutzwirkung aufweisen, 15 Prozent eine mittlere und nur 21 Prozent eine geringe.» Rund 80 Prozent des Schutzwaldes seien in der Lage, die Entstehung von Lawinen zu verhindern: «Der Wald kann aber keine Lawinen aufhalten, die oberhalb der Waldgrenze entstehen.» Wenn dringende Schutzbedürfnisse vorhanden seien, brauche es dort zusätzlich Lawinenverbauungen. Nach den bisherigen Erkenntnissen hätten rund 100 Lawinen Schäden am Wald verursacht: «Insgesamt dürften etwa 600 Hektaren Wald vernichtet worden sein, mit rund 100’000 Kubikmetern Schadholz.»

Der Lawinen-Experte Walter Ammann von der WSL zog laut Medienmitteilung folgende Bilanz: Das Schutzkonzept aus Gebirgswald, ergänzenden Verbauungen und Risikokarten habe sich bewährt. Die Lawinen seien mehrheitlich in den bekannten Couloirs abgeflossen, «unerwartete» Lawinen seien selten gewesen: «Bewährt haben sich auch die verbesserten Wetter- und Lawinenprognosemethoden.» Dank ihnen hätten die Krisenstäbe die erforderlichen Sicherungsmassnahmen wie Evakuationen oder Strassensperrungen rechtzeitig einleiten können.

Absoluten Schutz gibt es nicht

Lawinen blieben ein Risiko, heisst es im weiteren – man könne es managen, aber nicht ausschalten: «Ohne Schutzwälder, Lawinenverbauungen und ein effizientes Krisenmanagement wären die Folgen des Lawinenwinters noch viel einschneidender gewesen.» Aber völlig bändigen lasse sich die Natur nicht, trotz aller Vorkehrungen: «Für eine absolute Sicherheit vor Lawinen wäre der Preis viel zu hoch.» Der Mensch müsse vielmehr wieder lernen, die Natur zu beobachten und mit ihren Risiken vernünftig umzugehen.

Die im Gebiet Oberspychern am Chärderberg auf etwa 1600 Meter über Meer abgegangene Lawine (siehe auch Berichte vom Montag, 1. März, und Dienstag, 2. März) hatte – kurz bevor sie etwa 50 Meter über den obersten Häusern von Niederried zum Stehen gekommen war, die 16’000-Volt-Verbindungsleitung Brienz Ringgenberg beschädigt. Durch die schmutzig-braungraue und mit geknickten Bäumen und abgebrochenen Ästen durchsetzte Schnee- und Geröllmasse – im unteren Bereich erreichte der Lawinenkegel eine Breite von gegen 80 Meter –wurde auch ein Strässchen bis zu rund fünf Meter hoch verschüttet. (Archivbild: Peter Schmid)

BUWAL-Direktor Philippe Roch wies an einer Medienorientierung laut Communiqué darauf hin, dass uns der Lawinenwinter eines vor Augen geführt habe: «Unsere Gesellschaft hat den vernünftigen Umgang mit der Natur ein Stück weit verlernt.» Mobilität sei heute selbstverständlich geworden: «Wenn Strassen gesperrt werden müssen, endet die Liebe zur Natur.» Die Bergbevölkerung hingegen wisse, dass es im Umgang mit Lawinen Zeit und Geduld brauche: «Man muss warten können, bis die Gefahr vorbei ist.» Neue Lawinenverbauungen sollten laut Medienmitteilung nur erstellt werden, wo Sicherheitslücken es erforderten: «Es wäre falsch, nun in Panik zu verfallen und den ganzen Alpenraum mit Schutzbauten zu sichern.» Gefragt seien Lösungen in Zusammenarbeit mit der Natur und eine vernünftige Kosten-Nutzenrechnung: «Wieviel Risiko nehmen wir in Kauf zu welchem Preis?» Dazu brauche es noch mehr Kenntnisse über den Wald und die Naturgefahren, damit das Risiko-Management weiter verbessert werden könne.

Der Schutzwald werde auch in Zukunft die Hauptrolle im Lawinenschutz spielen. Gemäss dem zweiten Landesforstinventar habe rund neun Prozent der Schweizer Waldfläche direkte Schutzfunktionen vor Lawinen- und Steinschlag für Siedlungen und wichtige Verkehrswege: «Müssten diese Wälder durch Verbauungen ersetzt werden, würde dies in den nächsten 100 Jahren jährlich 2,1 Milliarden Franken kosten.» Zudem seien die Kosten für den Unterhalt der Verbauungen bis zu zwanzigmal höher als die für die Pflege des Schutzwaldes: «Der Wald ist der billigste Schutz vor Lawinen.»

Das zweite Landesforstinventar zeige auch, dass mit dem Schutzwald nicht alles zum besten stehe: «Die heutige Schutzwirkung ist zwar gut, doch weisen 67 Prozent des Schutzwaldes bedeutende Schäden auf, vor allem verursacht durch Steinschlag, Insekten, Schnee und Stürme.» Und bei 11 Prozent des Schutzwaldes werde die Stabilität von den Fachleuten als kritisch eingeschätzt.

Schutzwälder verjüngen – Schweizer Holz fördern

Damit der Wald auch in Zukunft seine Schutzfunktion erfüllen könne, seien verschiedenen Massnahmen nötig: Die eidgenössische Forstdirektion habe Vorschriften gegen den Wildverbiss erlassen und wolle Massnahmen zur Verjüngung der Schutzwälder ergreifen. Das Landesforstinventar habe im weiteren gezeigt, dass mit der jährlichen Holzproduktion unseres Waldes der gesamte Holzbedarf der Schweiz gedeckt werden könnte: «Damit dieser umweltfreundliche Rohstoff in Zukunft vermehrt genutzt wird, will die Forstdirektion dessen Wettbewerbsfähigkeit gezielt fördern.» Eine Grundlage dafür sei das im Januar in Kraft getretene Energiegesetz.

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