Dienstag, 18. Mai 1999
«Erste Priorität hat die Schadensbegrenzung»
Die Hochwassersituation im Kanton Bern: Wasserstände der Oberländer Seen weiter gefallen
pkb/S. Im Kanton Bern haben die Gemeinde- und Bezirksführungsorgane in den vom Hochwasser betroffenen oder neu gefährdeten Gebieten am Dienstag laut Situationsbericht der Kantonspolizei «die erforderlichen Massnahmen und Arbeiten weitergeführt, um gegen eine allfällige Lageverschlechterung möglichst gewappnet zu sein». Erste Priorität gelte der Schadensbegrenzung.
Seit
dem vergangenen Freitag, 14. Mai, ist die Schiffahrt auf dem Thuner- und
auf dem Brienzersee wegen des Hochwassers bis auf weiteres eingestellt
worden. – Bild: Das Motorschiff «Interlaken» wartet am Brienzer
Quai auf bessere Verhältnisse. (Foto: Peter Schmid)
Aufgrund der Prognose der kantonalen Arbeitsgruppe Schnee-Wasser und der Wettervorhersage, wonach sich die Lage in den nächsten Tagen wieder zuspitzen werde, bestehe im Kanton Bern eine hohe Alarmbereitschaft, «insbesondere im ganzen Berner Oberland und entlang der Flüsse, aber auch im Seeland und im Amt Wangen». Laut dem Tagesbulletin der Landeshydrologie von heute Dienstagvormittag sind die Wasserstände der Oberländer Seen weiter gefallen: Bei der Messstation Spiez fiel der Wasserspiegel des Thunersees auf 558,80 Meter über Meer, 21 Zentimeter weniger als das Maximum vom Vortag. Der in Ringgenberg gemessene Wasserstand des Brienzersees sank gegenüber dem Maximum vom Vortag sogar um 27 Zentimeter auf 564,89 Meter. Wie berichtet, war bereits zwischen Samstagabend, 23 Uhr und Sonntagfrüh um 6 Uhr der Thunerseespiegel auf 559,13 Meter gesunken: Zuvor hatte der Pegel am Samstagnachmitttag gegen 13 Uhr 559,17 Meter über Meer erreicht – 87 Zentimeter über der Hochwassermarke von 558,30 Meter und 49 Zentimeter über dem vormaligen Jahrhunderthöchststand von 558,68 Meter am 17. Juni des Jahres 1910. Zwar war am Freitagnachmittag mit einer Kote von 565,11 Meter auch beim Brienzersee die Hochwassermarke von 565,10 Meter überschritten, doch wurde damit der bisherige Jahrhunderthöchststand von 565,33 Meter vom 16. Juni 1910 nicht erreicht.
Bei
der Ringgenberger Schiffländte orientiert ein Plakat über den
wegen des Hochwassers eingestellten Schiffsbetrieb.
Neue militärische Unterstützung
Die seit Ende letzter Woche in Bern und Thun eingesetzte Rettungstruppen-RS, die eine äusserst wertvolle Arbeit geleistet habe, wird laut Situationsbericht – siehe auch «Das Katastropenhilfebataillon 2 auf morgen Mittwoch aufgeboten» – durch das Katastrophenhilfebataillon 2 abgelöst: «Dieses ist erstmals alarmmässig zum Assistenzdienst aufgeboten worden.» Es rücke am Mittwoch in Dagmarsellen ein und komme anschliessend in den Regionen Bern, Belp und Thun zum Einsatz. «Am Dienstagmorgen hat in Bern der Abspracherapport zwischen den zivilen Führungsorganen und den Einsatzverantwortlichen der Armee stattgefunden.» Für die weitere Sicherung der Aaredämme im Raum Belpmoos und zur Unterstützung der Seepolizei stünden zusätzlich Teile des Genieregiments 2 zur Verfügung.
Empfehlungen an die Hausbesitzer
In allen Gemeinde- und Bezirksführungsorganen wird laut dem Situationsbericht
– dieser basiere auf den Meldungen von Gemeinde- und Bezirksführungsorganen
und dem Lagezentrum der Kantonspolizei Bern – «auf die dringend nötige
Eigenverantwortung der Hausbesitzer aufmerksam gemacht». Dies vor
allem auch deshalb, weil nach Einschätzung von Fachleuten davon ausgegangen
werden müsse, «dass sich Überschwemmungsereignisse nicht
nur in den nächsten Tagen, sondern auch im Verlaufe des Sommers wiederholen
können». Allen Betroffenen würden die nachstehend aufgeführten
Massnahmen empfohlen.
Kurzfristige Massnahmen:
– Gefährdete Gegenstände aus der Gefahrenzone entfernen (auch Kühlboxen, Elektrogeräte und so weiter).
– Rückstaugefährdete Wasserleitungen abdichten (Holzzapfen mit weichen Lappen umwickelt).
– Öffnungen in Türen und Fenstern auf Höhe des zu erwartenden Hochwasserpegels schliessen (Schalttafeln, Sandsäcke, Bauplastik). Material kann bei örtlichen Feuerwehren oder im Baugewerbe angefordert werden.
Langfristige Massnahmen:
– Überprüfen der eigenen Situation in bezug auf Hochwasserabwehrmassnahmen (Optimierung der kurzfristigen Massnahmen, verbessern der erkannten Schwachstellen). Information und Beratung zu den langfristigen Massnahmen können bei den örtlichen Bauverwaltungen eingeholt werden.
Thuner Innenstadt begehbar
In Thun haben nach Angaben der Kantonspolizei die Wehrdienste, der Zivilschutz und die Armee weitere Vorbereitungsarbeiten mit Blick auf eine mögliche Lageverschärfung durchgeführt. Die Innenstadt sei wieder begehbar. Seepolizei und Armee hätten zwischen dem Schloss Schadau und dem Camping Gwatt eine zwei Kilometer lange schwimmende Oelsperre aufgezogen, um einer möglichen grossräumigen Wasserverschmutzung vorzubeugen. Die Armee halte rund 30 grosse Pumpen bereit, um Betriebe und grosse Gebäude auspumpen zu können. Dort, wo es technisch möglich und genügend sicher sei, werde der Strom in nächster Zeit wieder eingeschaltet: «Am frühen Dienstagmorgen waren noch 226 Häuser ohne Strom.» Das täglich kontrollierte Trinkwasser in Thun sei immer noch einwandfrei. Das stehende Wasser im überschwemmten Gebiet werde alle zwei Tage bakteriologisch untersucht; nach den bisherigen Resultaten bestehe kein Handlungsbedarf. «Sorgen bereiten der Einsatzleitung der sehr hohe Grundwasserspiegel und die Stabilitätsprobleme in den mit Wassern gefüllten Räumen.»
«Die Behinderungen auf den direkt entlang des Thunersees verlaufenden Strassen mit Ausnahme der Gwattstrasse und der Durchgangsstrasse in Faulensee sind weitgehend behoben», heisst es im weiteren.
Im Raum Interlaken seien ebenfalls alle erforderlichen Massnahmen getroffen: «Der TCS-Camping und angrenzende Wohnhäuser stehen teilweise bis zu einem Meter im Wasser.» Der Aarelauf werde an kritischen Stellen bezüglich allfälliger Unterspülung überprüft. In der Region Neuhaus/Manor-Farm könnten einige Liegenschaften provisorisch wieder mit Elektrizität versorgt werden. In Brienz seien die Wehrdienste an Aufräumarbeiten im Gebiet Campingplatz Aaregg: «Die Campingbewohner bleiben evakuiert.» Aufräumarbeiten seien auch im Kieswerk Aaregg im Gang. – Das Problem Schwemmholz auf den Oberländer Seen ist laut Situationsbericht unter Kontrolle; es bedürfe jedoch einer ständigen Überwachung.
Vereinzelte Erdrutsche
Vereinzelt kommt es laut Situationsbericht zu Erdrutschen. So sei in Gündlischwand (Raum Säumertaverne) eine Böschung abgerutscht. «Die Jaunpass-Strasse ist im unteren Rohrmoos (Boltigen) auf einer Länge von etwa 15 Meter durch einen Erdrutsch unterspült.» Die Strasse sei an der betroffenen Stelle nur einspurig befahrbar. Der Erdrutsch im Heimersmad/Sparenmoosstrasse werde weiterhin durch die Wehrdienste überwacht.
Aaretal/Belp/Kehrsatz: Stabilisiert
Im Aaretal hat die Sperre der Durchgangsstrasse Kiesen-Jaberg und der Umfahrungsstrasse Oppligen-Kiesen-Jaberg nach Polizeiangaben aufgehoben werden. Neu bestehe eine Verkehrsführung mit Lichtsignalanlage. Gesperrt blieben die Verbindungsstrasse Rubigen–Belp in Belp/Viehweid, die Schützenfahrbrücke in Münsingen (Verbindung Münsingen–Gerzensee–Belpberg), die Autobahnausfahrt Rubigen der Autobahn A6 aus Richtung Bern ebenso wie der Flughafen Bern-Belp und dessen Zufahrtsstrassen: «Nach heutiger provisorischer Einschätzung der Verantwortlichen kann der Linienflugverkehr im Laufe der nächsten Woche wieder aufgenommen werden.» Die Autobahnraststätte Münsingen-Ost sei wieder offen.
«Die Kantonspolizei Bern ersucht die Bevölkerung dringend, die Weisungen der Sperrposten strikte zu befolgen», wird im weiteren ausgeführt. Das Parkbad in Münsingen sei mit Sandsäcken vor der Überflutung gesichert, ebenso die Trinkwasserversorgung im Aaregebiet, die ständig kontrolliert würden: «Das Eindringen von Aarewasser konnte bis jetzt verhindert werden.» Die Fuss- und Fahrwege in der Aarelandschaft seien weiterhin nicht passierbar. Die erfolgreiche Sicherung der Aaredämme habe weitere Wassereinbrüche verhindert. «Im Raume Viehweid können die ersten evakuierten Menschen wieder in ihre Wohnungen zurückkehren.» Der Wasserspiegel im Gebiet Selhofen habe sich um rund 45 Zentimeter gesenkt. Das ganze Schadengebiet werde auch während der Nacht von Polizei und Zivilschutz überwacht.
Vorbereitung auf längere Einsätze Bern
In der Stadt Bern legten die Wehrdienste laut Situationsbericht die Schwerpunkte nicht auf das Auspumpen und Trockenlegen von einzelnen Kellern und Gebäudeteilen, sondern auf die Verstärkung der bestehenden Wassersperren an besonders gefährdeten Stellen. Ausserdem würden Geräte und Maschinen gewartet, um gegen einen neuen Wasserhochstand gewappnet zu sein. «Das Trinkwasser kann nach wie vor unbedenklich genossen werden.» Dank der Wiederinstandstellung des Pumpwerks Nydegg habe sich die heikle Abwassersituation in der Matte entschärft.
Präventive Massnahmen im Seeland
Der Wasserspiegel des Bielersees sei auf einem hohen Stand (429,98 Meter über Meer) leicht unter jenem der beiden andern Jurarand-Seen (430,01 Meter). Das Einsammeln des Schwemmholzes wird nach Polizeiangaben noch mehrere Tage dauern: «Im ganzen Seeland und entlang der Aare Richtung Solothurn (Amt Wangen an der Aare) sind die Bezirksführungsorgane intensiv an der Vorbereitung und Realisierung von Massnahmen in Hinblick auf eine mögliche Lageverschlechterung.
Zurück an den Seitenanfang
Aktuelle Frontpage Berner
Oberland