Berner Oberland News
Aktuelle Frontpage (http://www.beo-news.ch)
Translation into English / Deutschsprachige Version (2 Klicks)
Leserbriefe und Bestellung von Bildern in druckfähiger Auflösung
(E-Mail p.schmid@beo-news.ch)

Montag, 4. September 2000

Grimselpassstrasse nach Felssturz für einige Tage gesperrt

S. Oberhalb der Grimselpassstrasse in der äusseren Urweid bei Innertkirchen ist es am Montag Morgen zu einem Felssturz mit 1000 bis 2000 Kubikmeter Material gekommen. Menschen kamen dabei laut Gemeindeführungsorgan (GFO) nicht zu Schaden. Die etwa ein Kilometer lange Gefahrenstelle an der Passstrase sei mit der im Sommer vergangenen Jahres installierten automatischen Lichtsignalanlage sofort gesperrt worden. Die Grimselpassstrasse auf der Berner Seite bleibe vorderhand gesperrt und dürfte kaum vor Donnerstag wieder geöffnet werden.

Strassensperre an der Grimselpassstrasse ausgangs Innertkirchen. (Fotos: Peter Schmid)

Vorübergehend ist am Montag Vormittag auch eine Umleitung über Unterstock auf der gegenüberliegenden Talseite gesperrt.  Die gegen vier Kilometer lange schmale, steile und kurvenreiche, im vergangenen Winter eingerichtete und ausgebaute Umleitung soll in erster Linie dem lokalen Verkehr und der Versorgung der Gemeinde Guttannen dienen und dürfe, wie am Montag Nachmittag an einer Medienorientierung zu erfahren war, nur von zweiachsigen Fahrzeugen mit einem Höchstgewicht von 16 Tonnen im Einbahnverkehr benützt werden. Die vorübergehende Sperrung sei angeordnet worden, weil bei einem grösseren Felssturz – auf einer Höhe von 1500 bis 1600 Meter über Normalnull sind eine kleinere und eine grössere instabile Felsmasse von 25'000 beziehungsweise 250'000 Kubikmeter  in Bewegung – auch die Umfahrungsstrasse hätte in Mitleidenschaft gezogen werden können. Namentlich hätten Bäume durch den Luftdruck des Felssturzes auch auf der gegenüberliegenden Talseite Bäume knicken können. Bereits an einer Informationsveranstalung im November vergangenen Jahres in Innertkirchen war laut einem Zeitungsbericht im Fall eines Absturzes beider instabilen Felsmassen damit gerechnet worden, dass die Druckwelle etwa zwei- bis dreimal Föhnstärke erreichen könnte, was nur etwa einem Drittel der Wucht einer Staublawine entspreche. Das würde jedoch ausreichen, um den Wald auch auf der gegenüberliegenden Talseite bis auf eine Höhe von etwa 800 Meter zu zerstören. Innertkirchen und Unterstock jedoch seien nicht gefährdet, da sich diese Druckwellen seitlich nicht weit ausbreiteten. Während ihres Wegs ins Tal können die Steinblöcke 20 Meter hoch in die Luft springen, einzelne sogar 100 Meter.

Der Geologe Ueli Gruner (links) und der Innertkirchner Gemeindepräsident Hans Jakob Walther in Unterstock auf der dem Felssturzgebiet gegenüberliegenden Talseite. Während das eigentliche Felssturzgebiet weitgehend hinter einer Wolke liegt, ist in der rechten Bildhälfte deutlich die Rinne zu erkennen, in der die Felsmassen zu Tale stürzten.

Die Bewegungen im Felssturzgebiet «Chapf» würden seit bald fünfzig Jahren mit wachsender Intensität beobachtet, war an der von Anita Banholzer, dem für die Information der Medien zuständigen Mitglied des Gemeindeführungsorgans geleiteten Orientierung im einzelnen zu erfahren. Die Felsbewegungen bedrohten neben der Grimselpassstrasse auch Starkstromleitungen der Kraftwerke Oberhasli, während die Transit-Erdgasleitung in dem gefährdeten Gebiet – ausreichend tief verlegt und durch eine Betonplatte geschützt – auch einen grösseren Felssturz unbeschadet überstehen sollte. Im Frühjahr 1999 hätten sich diese Bewegungen beschleunigt, und seither bestehe akute Felssturzgefahr. Um das gefährdete Gebiet rechtzeitig sperren zu können, sei im Sommer 1999 – siehe auch Bericht «Akute Felssturzgefahr an der Grimselpassstrasse / Felssturz-Warnanlage für rund 320'000 Franken um ein Jahr vorgezogen» vom Mittwoch, 14. Juli 1999 – eine Alarmanlage installiert worden. Heute Montag Morgen hätten die Felsbewegungen die Alarmwerte überschritten und es sei dabei zu einem kleineren Felssturz gekommen. Dabei seien einzelne Felsblöcke bis in die Fangnetze oberhalb der Strasse gelangt, hätten aber die Grimselpasstrasse nicht erreicht.

Medienorientierung am Montagnachmittag im KWO-Verwaltungsgebäude in Innertkirchen. Von links nach rechts: Kreisoberingenieur Markus Wyss vom kantonalen Tiefbauamt, der Innertkirchner Gemeindepräsident Hans Jakob Walther, GFO-Mitglied Anita Banholzer, der Geologe Ueli Gruner und der Chef des Gemeindeführungsstabs, Werner Durtschi.

Der Felssturz habe sich zwar überraschend schnell ereignet, doch habe er sich bereits am Samstag angekündigt, als ein kleinerer Abbruch von etwa 200 Kubikmeter beobachtet worden sei: Fast allen Felsstürzen gingen kleinere und grössere Abstürze voraus. Am Montag Morgen habe die kleinere der beiden instabilen Felsmassen eine Geschwindigkeit von vier Millimeter in der Stunde erreicht und damit den Alarmwert überschritten. Um sechs Uhr sei mit elf Millimeter der Höchstwert erreicht worden. Während etwa drei Stunden seien zehn Millimeter registriert worden, bis die Felsbewegung dann fast gleich schnell wieder zurückgegangen sei und um 13 Uhr noch 0,9 Millimeter in der Stunde betragen habe. Auch die Bewegungen des grösseren Felspaket, bisher ein Zehntelmillimeter, hätten sich beschleunigt: Auf ein Millimeter in der Stunde um sechs Uhr und auf anderthalb Millimeter um acht Uhr, um dann wieder auf ein Drittelmillimeter zurückzugehen.

Einbahn-Umleitung über Unterstock nach Guttannen, das weiterhin auch vom Wallis her erreichbar ist: Abfahrt in Innertkirchen zu jeder vollen Stunde während zehn Minuten, in der Gegenrichtung talwärts zu jeder halben Stunde von x.30 bis x.40 Uhr.

Bei Prognosen über die weitere Entwicklung ist nach Einschätzung des Geologen Ueli Gruner Vorsicht geboten. Die kleinere Platte könnte noch in diesem Herbst zu Tale stürzen. Schwieriger sei eine Voraussage bei der grösseren Felsmasse, bei der es möglichwerweise noch längere Zeit – zwei oder drei Jahre – dauern könnte. Eine Sprengung sei nicht vorgesehen, weil dadurch andere Felspartien instabil werden und ausserdem die Mineure bei den Vorbereitungsarbeiten gefährdet werden könnten.

Aktuelle Frontpage Berner Oberland News (www.beo-news.ch)
Leserbriefe und Bestellung von Bildern in druckfähiger Auflösung
(E-Mail p.schmid@beo-news.ch)

Herausgegeben von Peter Schmid, Freier Journalist, Kreuzli, CH-3852 Ringgenberg / Redaktionsstube Ringgenberg Telefon +41 (33) 821 10 61 und Fax +41 (33) 821 10 64 / Handy  +41 (79) 427 45 78 / Wohnung (privat) +41 (33) 821 10 60 / Postcheckkonto 40-71882-7

Zurück an den Seitenanfang