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Montag, 22. Mai 2000

Vitrine mit Zinnsoldaten in der Villa Cranz

Ausschnitte der Armee in den Kriegsjahren 1939 bis 1945

S. In der Villa Cranz, im Zweiten Weltkrieg Hauptquartier von General Henri Guisan und heute Sitz der Interlakner Gemeindeverwaltung, ist heute Montag Nachmittag bei einer kleinen Feier eine Vitrine mit Ausschnitten aus der Armee in den Kriegsjahren 1939 bis 1945 in Zinn übergeben worden. An einer kleinen Feier sprach sich der frühere Generalstabschef Heinz Häsler gegen einen Ersatz der Milizarmee durch ein Berufsheer aus.

Alt Generalstabschef Heinz Häsler –  vor der Vitrine mit Ausschnitten aus der Armee in den Kriegsjahren 1939 bis 1945 in Zinn – brach bei der Übergabe am Montag auf der Interlakner Gemeindeverwaltung eine Lanze für die Milizarmee. (Fotos: Peter Schmid)

Seit drei Jahren betreibt die vom Interlakner Regierungsstatthalter Walter Dietrich präsidierte Stiftung zur Förderung von Tradition und Geschichte in der Propstei im Schloss Interlaken eine Ausstellung, die fünftausend Jahre Weltgeschichte in Zinn gegossen zeigt. Gestiftet wurden die Zinnfiguren nach Angaben von Walter Dietrich «vom Heimweh-Interlakner Erich Reber, der während mehr als sieben Jahrzehnten über hunderttausend Figuren gesammelt hat». Diese Ausstellung sei unter anderem dank der tatkräftigen Unterstützung der Gemeinde Interlaken zustande gekommen. Die Stiftung zur Förderung von Tradition und Geschichte schenke deshalb der Gemeinde Interlaken eine Vitrine mit Zinnfiguren der Armee 1939 bis 1945. Bekanntlich habe General Guisan während des zweiten Weltkrieges häufig in Interlaken geweilt: «Die Villa Cranz, beziehungsweise die heutige Gemeindeverwaltung, diente ihm im Zweiten Weltkrieg am längsten als Kommandostandort.» Die Vitrine sei in den letzten Monaten entstanden und präsentiere Ausschnitte der Armee in den Kriegsjahren 1939 bis 1945.

Regierungsstatthalter Walter Dietrich, Präsident der Stiftung zur Förderung von Tradition und Geschichte, begrüsste unter anderen Teilnehmern an der Übergabefeier die Gemeindepräsidenten von Interlaken und Matten, André Morgenthaler und Franz Aerni sowie den Unterseener Vizegemeindepräsidenten Simon Margot.

«Eindrücklicher Blick in die Geschichte»

Bei der Übergabe der Vitrine würdigte alt Generalstabschef Heinz Häsler, dass die von Erich Reber mit ungeheurem Einsatz, mit Sammlerbegeisterung aber auch mit Sachverstand zusammengetragenen und geordneten Zinnfiguren auch einem Laien einen eindrücklichen Blick in die Geschichte vom Altertum bis in unsere Zeit böten. Der frühere Generalstabschef wies bei der Einweihung darauf hin, in der Vitrine seien Schweizer Soldaten in ihren Uniformen und mit ihrer Bewaffnung zu sehen, wie sie in der Zeit des Zweiten Weltkrieges von 1939 bis 1945 vorhanden gewesen sei: «Vergleicht man damit Kampfbekleidung, Ausrüstung und Waffensysteme unserer heutigen Armee, stellt jedermann fest, dass so die dazumalige Schweizer Armee heute nirgendwo mehr bestehen könnte.» Die Frage, ob unsere Armee im Jahr 1939 hätte bestehen können, müsse aus heutiger Sicht verneint werden. Allerdings: Nach dem Polenfeldzug wäre Deutschland auch nicht in der Lage gewesen, die Schweiz anzugreifen. Was den Alliierten und der ganzen Welt entgangen sei: Hitler habe fast die ganze damalige Wehrmacht auf Polen angesetzt gehabt und habe keine zusätzlichen Kräfte für einen Angriff auf ein anderes Land frei machen können. Nicht umsonst habe er mit dem Angriff im Westen bis im Mai 1940 zugewartet – materialmässig wäre er 1939 dazu nicht in der Lage gewesen und er habe eine Pause benötigt, um weiter aufzurüsten: «Heute weiss man, dass die Alliierten ihn nach dem Polenfeldzug mit einem Angriff hätten packen können.»

Inschrift beim Eingang zur Villa Cranz: «In schwerer Kriegszeit Sitz des Oberbefehlshabers der Schweizer Armee General Henri Guisan 1941–1944.»

Sowohl in deutschen wie in französischen Kreisen sei der Schweizer Milizarmee praktisch übereinstimmend attestiert worden, ihre Soldaten fielen durch einen grossen Einsatz und einen unerschütterlichen Kampfwillen auf, sie seien zähe und ausdauernd. Deren Kollektivbewaffnung sei aber als genau so ungenügend eingeschätzt worden wie ihre operative Führung. Es sei bezweifelt worden, dass es die Schweizer Armee mit einem modern ausgerüsteten und geführten hätte aufnehmen können. Krass sei bei Kriegsausbruch im Herbst 1939 namentlich das Fehlen von Panzern und Flugzeugen gewesen: Unsere Armee habe über ganze sechs Detachemente mit je vier leichten Panzern verfügt und die Flugwaffe habe nur aus 18 kriegstüchtigen Jagdflugzeugen und 80 veralteten Beobachtungsflugzeugen bestanden. Das Erwachen sei gekommen, als man habe sehen müssen, dass die deutsche Luftwaffe in 14 Tagen 800 polnische Flugzüg erledigt habe. Häsler bezeichnete es als Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet von Deutschland im Winter 1939/40 total 90 Jagdflugzeuge vom damals modernsten Typ Messerschmitt Me-109 hätten erstanden werden können. Die Artillerie sei zum grössten Teil hyppomobil gewesen – ausgerüstet mit dem 7,5-Zentimeter-Feldgschütz Krupp 1905 von völlig ungenügender Wirkung. Panzerabwehrgschütze habe es zu wenige und mit zu kleinem Kaliber gegeben. Gefehlt habe es aber unter anderem auch an Sanitätsmaterial, Treibstoff und Munition. Motortransportmöglichkeiten seien kaum vorhanden gewesen.

Zinnsoldaten-Defilee in der Vitrine: Infanterie und Kavallerie.

Krieg hat viele Ursachen

Korpskommandant Heinz Häsler führte in seinem Vortrag ein Reihe von Kriegsursachen an: Es gebe Krieg um Wasserstellen, um wirtschaftliche Vorteile, um Kolonialisierung, Krieg aus dem Drang an Entdeckungen, aus religiösen, ethnischen oder rassistischen unterschieden, Krieg aus Ideologien, aus Machthunger aus Habgier – Krieg aus manch anderem Grund: «Die gesamte Weltgeschichte vom Altertum bis in die heutige Zeit ist durch Kriege gemacht worden.» Stämme seien durch Kriege untergegangen, ganze Kulturen seien verschwunden, Staaten seien ausradiert worden oder aber durch Kriege auch neu entstanden: «Kriege hat es immer gegeben, es gibt sie heute und wird sie wohl auch in Zeiten geben, in denen wir längstens nicht mehr da sind.» Immer werde einer – wenn er glaubt er sei stärker – aus irgend einem Grund auf einen anderen losgehen. Überleben und gewinnen werde der, der am Schluss der stärkere sei. Diese an und für sich defätistische Prognose lasse sich wahrscheinlich nicht ändern – jeder Friedenseuphorie und jedem Pazifismus zum Trotz. Das letzte Ereignis von interkontinentaler Bedeutung, das den Beweis auf grässliche Art erbracht habe und das uns in der Schweiz – wenn auch aus manchem Grund gottlob ohne Blutzoll – mit einbezogen habe, sei der Zweite Weltkrieg gewesen.

Diese undatierte Aufnahme zeigt Henri Guisan als jüngeren Offizier.

Reduit beruhte nicht auf Feigheit

Der damals vom Bundesrat zum General gewählte Kommandant des Feldarmeekorps 1, Korpskommandant Henri Guisan, habe sofort erkannt, dass unsere Armee einer Blitzkriegarmee mit Panzerverbänden, Luftlandetruppen, Flugwaffe und Grosskaliberartillerie weder an der Grenzen noch im Mittelland gewachsen gewesen wäre. Er habe daher die bisherigen Verteidigungsplanungen aufgegeben und befohlen, die Verteidigung im Alpenraum – im Reduit – vorzubereiten. Der Grundgedanke – er habe sich bis weit in die sechziger Jahre hinein erhalten – war laut Häsler, dass es nur im Reduit möglich sei, lange Zeit zu widerstehen, so lange, bis es zu einem Frieden komme, wer immer den auch beschliesse. Denn wäre noch ein Teil der Schweiz als Staat vorhanden gewesen, hätte sie Anspruch auf Anerkennung gehabt – demgegenüber wären Vertreter eines ganz untergegangenen Landes in Friedensverhandlungen in einer aussichtslosen Position gewesen: «Das war der Grundgedanke des Reduits und nicht Feigheit unserer Armeeführung.» Es spreche für den Willen zur Erhaltung unseres Staates, dass dennzumal auch die Teile der Bevölkerung das Reduit befürwortet hätten, die nicht darin lebten und einem Feind vollständig ausgesetzt gewesen wären.

Für das Sicherheitssystem unseres Landes ist es nach Auffassung des früheren Generalstabschefs auch heute noch entscheidend, dass es auf dem Milizsystem verankert sei. Nur der Bürgersoldat, der ausschliesslich dann antrete, wenn es die Sicherheit unseres Landes erfordere – nur er gebe uns die Verbindung im Volk, zwischen arm und reich zwischen verschiedenen sozialen und beruflichen Stellungen, zwischen verschiedenen Sprachen und Regionen, zwischen verschidenen religiösen und politischen Richtungen. «Die Verankerung im Volk ist dann gfährdet, wenn die Armee so verkleinert und verjüngt würde, dass der Familienvater nicht mehr Dienst tut und die Armee am Familientisch kein Thema mehr wäre.» Dann würden aber auch in Einheiten die besonnenen und gefestigten Persönlichkeiten fehlen – Persönlichkeiten, die in schwierigen Situationen klar überlegt handelten, manchmal ungeachtet ihres militärischen Grades, und die manchem Jungen die Angst und die Sorgen überwinden hülfen. «Die Verankerung im Volk geht sogar für immer verloren, wenn Berufsleute den Bürgersoldaten ersetzen und wenn weder die Wirtschaftsvertreter noch die Financiers noch Politiker zur Armee ein persönliches Verhältnis und eine Bindung haben.» Die Vielfalt an schulischem und beruflichem Können und an Erfahrung im Umgang mit dem Mitmenschen als Wehrmann in allen Graden, könne durch kein Berufsheer ersetzt wärden.

Erich Reber (rechts im Bild) bei einer kurzen Ansprache. Neben ihm sitzend alt Brigadier Max Häni, damals ein enger Vertrauter von General Guisan.

«Der rechte Mann am rechten Platz» habe es früher geheissen: Das ist laut Häsler für unsere Miliztruppen schon lange nicht mehr gültig. Wir hätten für die viele beruflich geschulten rechten Leute viel zu wenig rechte Plätze in der Armee – Plätze, die ihrem Intellekt und ihrem Können gerecht würden. Ein grosser Teil von Funktionen in einem Heer verlange einfache Arbeit, die schon lange mit beruflich hervorragend ausgewiesenen Soldaten habe besetzt werden müssen oder dürfen. Das werde auch in einer künftigen Schweizer Armee nicht anders sein. Und anspruchsvolle Funktionen würden ja schon heute durch Berufsleute erfüllt, die im Armeemotorfahrzeugpark und auf Flugplätzen, aber auch in der Überwachung und in Unterhalt tätig seien.

Die Rüstung und Bewaffnung eines Staates wie dem unseren müssen nach Auffassung von Heinz Häsler gezwungenermassen beständig auf einem relativ hohen Technisierungsgrad gehalten werden, weil man in Zeiten der Gefahr – das habe sich im Aafang des Zweiten Weltkrieges drastisch gezeigt – vom Ausland auch mit gutem Geld nichts mehr bekomme und weil man ohne eigene Rüstungsindustrie und ohne Ressourcen auch nichts Hochwertiges mehr selber herstellen könne. Künftig seien wir nicht einmal mehr in der Lage, ein eigenes Gewehr zu entwickeln und zu fabrizieren – die letzte schweizerische Waffeschmiede, die SIG in Neuhausen, habe dieses Jahr aufgegeben.

Das Ausland könne in dieser Beziehung anders vorgehen: Es entwickle in Friedenszeiten Prototypen von höchster Technologie und könne bei Bedarf die Produktion in der Grossindustrie innert kurzer Zeit anlaufen lassen. Unsere Milizarmee bestandes- und materialmässig dann aufzurüsten, wenn Gefahr drohe, bezeichnete Korpskommandant Häsler als eine Illusion. Wenn man die Gefahr bemerke, sei es zu spät, weil es Jahre dauere, Versäumtes nachzuholen und weil mitten im Frieden kein Parlament Geld für Waffensysteme gebe, für die noch nicht einmal die Soldaten und Ausbildner vorhanden seien.

Der frühere Generalstabschef äusserte die Hoffnung, dass sich auch die Verantwortlichen für unsere künftige Armee mit ähnlichen Gedankengängen befassten und nicht etwa in Versuchung kämen, nur noch das fürderhin als brauchbar zu erachten, was das Ausland mit seinen Streitkräften vorhabe. Wer jetzt die Vitrine mit den Soldaten von 1939 betrachte, sehe Waffen, die schon damals veraltet gewesen seien: Eines könne aber den damaligen Angehörigen unserer Armee zugestanden werden: Der Willen, sich für unser Land einzusetzen, sei in hohem Masse vorhanden gewesen und vom Ausland mit grosser Hochachtung erwähnt worden: «Mit diesem Willen, so hoffe ich, werden unsere Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten auch in der Armee 21 für ihre neuen Aufgaben antreten. Und wenn die Verantwortlichen ihnen zur rechten Zeit Geräte und Waffensystem beschaffen, mit denen sie ihren Auftrag erfüllen können – dann brauchen wir uns um unsere Milizarmee keine Sorgen zu machen.»

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