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Mittwoch, 24. Mai 2000

Ein Jahr der harten Prüfungen für die BLS

Lawinenwinter, Hochwasser und «Lothar drückten das Ergebnis der BLS Lötschbergbahn AG

bls/S. Die Rechnung 1999 der BLS Lötschbergbahn AG schliesst mit einem Unternehmenserfolg von  5,3 Millionen Franken ab. Die Erträge aus dem Personen- und aus dem Güterverkehr sind laut einer Medienmitteilung gegenüber dem Jahr 1998 leicht rückläufig, zudem hätten der Lawinenwinter, das Hochwasser und der Orkan «Lothar» das Ergebnis stark gedrückt. Gleichzeitig konnten aber der Aufwand reduziert und die Finanzerträge vergrössert werden. Der Vorsitzende der Geschäftsleitung, Mathias Tromp, bezeichne an der Bilanzmedienkonferenz von heute Mittwoch Vormittag 1999 als «Jahr der harten Prüfungen». Mit einem Programm zur Steigerung der Effizienz und einer Reihe weiterer Massnahmen sei die BLS Lötschbergbahn AG für die Herausforderungen des Marktes gerüstet.

Ein Zug mit einer BLS-Lokomotive vom Typ Re 4/4 an der Spitze auf dem Bahnübergang Interlaken West. (Fotos: Peter Schmid)

Der Ertrag aus dem Personenverkehr beläuft sich nach BLS-Angaben auf  93,5 Millionen Franken (–0.5 Prozent). Davon beliefen sich  54.4 Millionen Franken auf den Personenfernverkehr (+1 Prozent) und  29,2 Millionen Franken auf den Regionalverkehr (–3,3 Prozent). Im Güter- und Postverkehr seien  35,2 Millionen Franken (–13,7 Prozent) erwirtschaftet worden: «Dieser Rückgang ist vor allem auf die Verlagerung von Transporten auf die Gotthardachse zurückzuführen, da die technischen Voraussetzungen (Profilgrössen) auf der Simplon-Südseite erst ab 2001 gegeben sein werden.» Die Erträge aus dem Autoverlad seien infolge des extremen Lawinenwinters auf  25,2 Millionen Franken zurückgegangen (–4.6 Prozent). Der Betriebsaufwand belaufe sich auf  325 Millionen Franken (–1,1 Prozent). Der Finanzerfolg (vor allem Kapital- und Wertschriftenerträge) belaufe sich dagegen auf  7,7 Millionen Franken (+306 Prozent).

Strategie durch Experten bestätigt

In seinen Ausführungen zum Geschäftsjahr 1999 wies Mathias Tromp darauf hin, dass die Unternehmen Pricewaterhouse Coopers, Ecoplan und Infras die Strategie bestätigt hätten, welche die BLS Lötschbergbahn aufgrund der neuen Situation nach der Bahnreform (unter anderem Wettbewerb im Güter- und im Regionalverkehr) entwickelt und eingeschlagen habe. Die Strategie umfasse im Wesentlichen die Konzentration auf die Kernkompetenzen alpentransitierender Güterverkehr, Personenfernverkehr auf der Nord–Süd-Achse über den Lötschberg und regionaler Personenverkehr (inklusive S-Bahn Bern) sowie leistungsfähiger Betrieb der eigenen Infrastruktur. Der Strategie-Check sei von Bund und Kanton Bern in Auftrag gegeben worden: «Bis die Ergebnisse der Gespräche zwischen BLS und SBB bezüglich einer möglichen Zusammenarbeit klar sind, wird die BLS gemäss Mathias Tromp ihre unternehmerische Tätigkeit weiterhin nach diesen strategischen Leitlinien ausrichten.»

Effizienzsteigerungsprogramm

Um die Wettbewerbsfähigkeit der Lötschbergbahn zu erhöhen, habe die BLS-Führung 1999 ein Programm zur Steigerung der Effizienz eingeleitet. In dessen Rahmen seien durch externe Experten sämtliche Unternehmensabläufe analysiert und auf Rationalisierungsmöglichkeiten hin überprüft worden. Die Studie liste verschiedenste Massnahmen auf, die nun während der nächsten drei bis vier Jahre umgesetzt werden. «Bereits 1999 konnten die Personalkosten, welche rund die Hälfte des Aufwandes ausmachen, um 2.6 Prozent gesenkt werden» sagte BLS-Finanzchef Hans Flury an der Bilanzmedienkonferenz. «Sie sind somit heute gleich hoch wie vor zehn Jahren.»

Das Brienzersee-Motorschiff  «MS Jungfrau» hat auf seiner zweiten Jungfernfahrt am Donnerstag, 22. April 1999  auch in Iseltwald an der mit Forsythien und bunten Ballonen geschmückten Schiffländte zu einem kleinen Zwischenhalt angelegt. (Foto: Peter Schmid)

Weitere Ereignisse des Jahres 1999

Als bedeutende Ereignisse des abgelaufenen Geschäftsjahres erwähnte Tromp die Einweihung des Bahnhofs Spiez, die Einführung des Linienmanagements und der neuen Niederflurfahrzeuge NINA für die S-Bahn Bern, den Transport des 25-millionsten Fahrzeugs durch den Lötschberg (Autoverlad) – siehe auch Bericht «25 Millionen Autos am Lötschberg verladen / Autoverlad Kandersteg–Goppenstein baut Fahrplan aus» vom Freitag, 4. Juni 1999 –  sowie die zweite Jungfernfahrt des Motorschiffs «Jungfrau» am Donnerstag, 22. April 1999auf dem Brienzersee. Tromp ging auch ein auf den Unfall am 1. November beim Bahnhof Bern-Weissenbühl und auf die Diskussionen um eine Übernahme der BLS durch die SBB, die zu einer starken Verunsicherung der Belegschaft geführt hätten. Zusammen mit den Elementarereignissen machten diese Geschehnisse 1999 laut Mathias Tromp zum «Jahr der harten Prüfungen».

Wettbewerb bringt Vorteile

Ein Jahr nach Inkraftsetzung der Bahnreform (1. Januar 1999) zog Mathias Tromp eine differenzierte Zwischenbilanz. Von den fünf anvisierten Zielen (rechtliche Selbständigkeit der Bahnen, organisatorische und rechnerische Trennung von Infrastruktur und Verkehr, Netzzugang für Dritte, finanzielle Sanierung im Speziellen auch der Pensionskassen sowie Leistungsauftrag an die Bahnen) seien erst einige erreicht worden. «Vor allem der nun funktionierende Wettbewerb mit Netzzugang im Güterverkehr und im regionalen Personenverkehr bringt Kunden und Auftraggebern Vorteile», führte Mathias Tromp aus. Aber nicht alle Bahnunternehmen seien in der gleich guten Ausgangslage wie die SBB. Deshalb müssten auch für die BLS und andere Bahnen die Entschuldung, die Pensionskassenunterdeckung, die Haftpflichtfrage und anderes mehr geregelt werden.

Die Herausforderungen für die BLS

In seinem Ausblick erwähnte Mathias Tromp folgende laufenden Projekte:

1. Güterverkehr: Die Bestrebungen zur Akquisition von alpentransitierendem Güterverkehr wird weiter intensiviert. Am 1. Juni 2000 übernimmt Dirk Stahl (ehemals DB-Cargo) neu den Cargo-Bereich der BLS. Weitere Abkommen mit in- und ausländischen Partnern werden angestrebt. – Um weitere Partner finanziell am Cargo-Geschäft partizipieren zu lassen, wird in der zweiten Jahreshälfte 2000 der BLS-Güterverkehr in eine Tochtergesellschaft ausgelagert. – Federführend engagiert sich die BLS mit SBB und Hupac AG, um die «Rollende Autobahn» zum Erfolg zu führen (Betriebsaufnahme: Anfang 2001).

2. Personenverkehr: Im Hinblick auf die Eröffnung der Neubaustrecke Rothrist–Matt-stetten (2005) und die NEAT am Lötschberg (2007) ist bald zu klären, welchem Betreiber das Management der InterCity-Linien Basel/Zürich–Bern–Spiez–Interlaken/Brig–Simplon–Milano übertragen wird, damit die notwendigen Investitionsentscheide termingerecht eingeleitet werden können. – Ab Fahrplanwechsel 2001 werden klimatisierte IC-Pendel-züge auf der Strecke Basel–Bern–Brig/Interlaken eingesetzt. – Mit kostengünstigen Lösungen will die BLS ihre S-Bahn-Linien weiter attraktivieren, beispielsweise durch Fahrplanverbesserungen oder durch neue, regelmässige Direktverbindungen Richtung Broye. – Um die Kundenfreundlichkeit zu erhöhen, bestellt die BLS eine zweite Serie der beliebten Niederflurfahrzeuge NINA.

3. Infrastruktur: Die BLS nimmt über ihre Tochtergesellschaft BLS AlpTransit AG die Interessen der künftigen NEAT-Infrastrukturbetreiberin sowie der künftigen Verkehrsunternehmen im Personen- und Güterverkehr wahr. Dies betrifft insbesondere die Vorbereitung von Entscheiden über die Ausrüstung, die Betriebs- und Sicherheitskonzepte, die Anschlüsse an das bestehende Netz und so weiter. – Die BLS verbessert auf der NEAT-Zufahrtsstrecke Thun–Frutigen bis 2006 Leistungsfähigkeit, Lärmschutz und Sicherheit. – Die BLS erhöht die Kapazität der Bergstrecke Frutigen–Brig durch Erweiterung des Profils des zweiten Gleises für High Cube-Container. – Auf den Abschnitten Bern–Belp und Bern–Riedbach werden Leistungsfähigkeit und Kundenfreundlichkeit durch den Doppelspurausbau erhöht. – Die Ausrüstung der Triebfahrzeuge mit dem Zugssicherungs-system ZUB wird abgeschlossen. Ebenfalls werden S-Bahn- sowie Transitstrecken mit dem ZUB ausgerüstet.

4. Unternehmenspolitik: Die Massnahmen der 1999 durchgeführten Unternehmensanalyse zur Steigerung der Effizienz und der Wettbewerbsfähigkeit werden in einem Zeitrahmen von drei bis vier Jahren umgesetzt. – Die im Rahmen der Bahnreform noch nicht geklärten finanziellen Fragen bezüglich Infrastrukturdarlehen, Pensionskassen usw. sollen in Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen des Bundes und des Kantons rasch geregelt werden. – In der zweiten Jahreshälfte sollen die Formen der künftigen Zusammenarbeit mit den SBB definiert sein. Ergeben sich dabei veränderte Zuständigkeiten oder Beteiligungsverhältnisse, so wird dannzumal auch die Strategie neu zu formulieren sein.

Das Unwetterjahr 1999: Lawinen, Hochwasser und «Lothar»

bls/S. Extreme Schneefälle verursachten im Februar 1999 in der ganzen Schweiz Lawinenniedergänge und gesperrte respektive unterbrochene Verkehrswege. Auf dem BLS-Netz war die Strecke ob Kandersteg am stärksten betroffen. Der Autoverlad Kandersteg–Goppenstein war nach BLS-Angaben während zwei Tagen eingestellt; während 15 Tagen wurde ein Ersatzverlad ab Kandersteg beziehungsweise Frutigen nach Brig angeboten. Die Kosten für die Räumung sowie der Ertragsausfall beliefen sich auf 1,9 Millionen Franken (ohne Schutzbauten).

Das Brienzerseeschiff « MS Iseltwald» war im Lawinenwinter 1999  zeitweise die einzige Verbindung zwischen Interlaken und Brienz. Unser Bild zeigt die «Iseltwald» am Mittwoch Vormittag, 10. Februar 1999 auf der Fahrt von Brienz nach Bönigen an der Schiffländte Oberried. Eine grössere Einheit als das 30jährige Motorschiff, das mit 300 Personen vollbeladen einen Tiefgang von nur 137 Zentimeter hat, hätte nach BLS-Angaben beim damaligen Pegelstand nicht eingesetzt werden können.

Die Schneeschmelze, verbunden mit langem und intensivem Regen, liess die Flüsse und Seen im Berner Oberland über die Ufer treten. Am 15. Mai hatte der Wasserspiegel des Thunersees den höchsten bisher gemessenen Pegel von 559,17 Meter über Meer erreicht. Die Fluten überschwemmten unter anderem Werft und Büroräume in Thun-Lachen sowie die Ländten in Spiez und Interlaken-Ost. Der Schiffsbetrieb musste im Mai auf dem Thunersee über zwei Wochen und auf dem Brienzersee eine Woche lang eingestellt werden; etliche Extrafahrten fielen aus.

Auch der Bahnbetrieb wurde beeinträchtigt: Auf der Simmentallinie musste der Bahndamm auf bestimmten Strecken tagelang überwacht werden, weil die Simme über die Ufer getreten war; Seewasser drang in den Därligentunnel (bis 16 Zentimeter über Schienenoberkante) und verursachte viel Räumungsarbeit; Seewasser überflutete auch beide Unterführungen beim Bahnhof Gwatt. Die Kosten für Räumung und Wiederaufbau sowie der Ertragsausfall durch Streckenunterbrüche beliefen sich auf 1,6 Millionen Franken.

Trotz der vom Orkan «Lothar» beschädigten Fahrleitunge der BLS Lötschbergbahn im Simmental konnte auf der Strecke Spiez–Zweisimmen der Verkehr mit stündlichen Regionalzügen aufrechterhalten werden: Kurzfristig waren von der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) moderne Dieseltriebzüge vom Typ «Integral» – siehe auch Bericht «Ab Silvester mit Dieseltriebzügen durchs Simmental / Die BLS Lötschbergbahn öffnet alle Strecken noch vor dem Jahreswechsel» vom Donnerstag, 30. Dezember 1999 – zugemietet worden. – Bild: Einfahrt eines bayerischen Integralzuges in den Bahnhof Spiez.

Am 26. Dezember fegte ein Sturm über Westeuropa, der als «Jahrhundertsturm» in die meteorologische Geschichtsschreibung der Schweiz eingegangen ist. Der «Lothar» genannte Orkan fällte in der Schweiz Bäume in der Grössenordnung von rund zwölf Millionen Kubikmeter Holz und legte landesweit Verkehrswege lahm. Das BLS-Streckennetz wurde besonders hart getroffen. Zeitweise war nur noch die Strecke Thun–Spiez in Betrieb. Grosse Schäden entstanden vor allem im Raum Kandergrund/ Blausee, auf der Simmentalstrecke, wo Fahrleitungen und Sicherungsanlagen – siehe unter anderem auch Bericht «Fahrleitung repariert – wieder elektrisch durchs Simmental / Nach dem Einsatz im Oberland: Bayerische Dieseltriebzüge auf Präsentationsfahrten» vom Montag, 10. Januar 2000 – zu einem grossen Teil zerstört wurden sowie zwischen Bern und Neuchâtel. Es kamen keine Menschen zu Schaden. Die Kosten für Räumung, Aufbau und Ersatzbetrieb sowie der Ertragsausfall betrugen gesamthaft 4,1 Millionen Franken; nicht eingerechnet sind die Schäden am Wald. Das Unwetterjahr 1999 bescherte der BLS Lötschbergbahn AG Kosten und Ertragsausfälle in der Höhe von 7,6 Millionen Franken.

Die vollständigen Referate an der heutigen Bilanzmedienkonferenz der BLS Lötschbergbahn AG (PDF-Format)

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