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Freitag, 31. August 2001

Eltern protestieren gegen Sparen in Schule und Kindergarten

S. Aktionstag gegen Sparmassnahmen in Volksschule und Kindergarten im Kanton Bern: Über 300 Ballone mit der Aufschrift «Damit der Schule nicht die Luft ausgeht» sind kurz vor Freitagmittag auf dem Pausenplatz des Schulhauses Ringgenberg aufgestiegen. An sechs Orten in Interlaken und Umgebung fanden wie in anderen Kantonsteilen ähnliche Aktionen statt. Die kantonale Erziehungsdirektion hatte die Kritik von Elternorganisationen, wonach die Sparmassnahmen verantwortungslos seien und bedrohten die Volksschule in ihrer Substanz bedrohten, bereits vorgestern Mittwoch zurückgewiesen.

«Damit der Schule nicht die Luft ausgeht»: Auf dem Pausenplatz des Schulhauses Ringgenberg stiegen kurz vor Mittag über 300 Ballone in die Luft. (Foto: Peter Schmid)

Mit Informationsveranstaltungen, Podiumsdiskussionen und verschiedenen weiteren Aktionen – zurzeit läuft eine Unterschriftensammlung für eine Petition an den Regierungsrat des Kantons Bern – wollen  mehrere Dutzend Elternräte im Kanton Bern eine breite Diskussion über die Zukunft der Volksschule in Gang setzen und gegen einen weiteren Abbau protestieren. Die Petition an den Regierungsrat des Kantons Bern hat folgenden Wortlaut: «Mit wachsender Besorgnis und zusehends betroffen beobachten wir Eltern, Kinder und Jugendlichen die Sparmassnahmen im Bildungswesen, die mittlerweile die Substanz einer der ältesten, wichtigsten und wertvollsten Errungenschaften des Standes Bern bedrohen: die Volksschule. Weitere Klassenschliessungen, erneuter Stellenabbau, Kürzungen etwa in den Bereichen Stipendienwesen, Fortbildung des Lehrkörpers, Unterrichtsmaterialien oder Schulzahnpflege stellen insgesamt eine enorme Einschränkung im Angebot der Schulen dar, bedeuten eine gewaltige Qualitätseinbusse und sind, wie sich vielerorts abzeichnet, verantwortungslos. Trotz ausgewiesenen Bedürfnissen wird insbesondere in folgenden Bereichen über die Massen gespart::

• beim Spezialunterricht wie Logopädie, Legasthenie oder Begabtenförderung
• bei Zusatzunterricht wie Deutsch für Fremdsprachige
• bei Wahlfächern, Schulsport, Sprachkursen oder musischen Fächern
• bei Themen wie Sucht- und Gewaltprävention, Medienerziehung oder Informatik
• bei den Klassen: Grosse Klassen bringen unter anderem disziplinarische Probleme.

Wir wehren uns gegen einen weiteren Qualitätsabbau an unseren Schulen. Wir fordern vom Regierungsrat und der Erziehungsdirektion...

... den sofortigen Stopp sämtlicher Sparmassnahmen in der Volksschule
... die Erweiterung der Wahlfächer und den Aufbau von abteilungsweisem Unterricht
... die Förderung von Team-Teaching und die vermehrte Integration Behinderter
... die Senkung der Klassengrössen und der Pflichtlektionenzahl der Lehrpersonen
... die frühzeitige und umfassende Informationen über Ziele und Massnahmen
... das Ende der schleichenden Demontage der Volksschule im Kanton Bern.

«Bildungsauftrag der Volksschule wird erfüllt»

Die kantonale Erziehungsdirektion hat bereits am Mittwoch mit einer Medienmitteilung auf die Anliegen der Elternräte reagiert. Konkret nahm sie laut Medienberichten zu Vorwürfen der Elternorganisationen der Region Interlaken Stellung, die Sparmassnahmen seien verantwortungslos und bedrohten die Volksschule in ihrer Substanz. Der Kanton Bern kommt laut der am Mittwoch verbreiteten Medienmitteilung seinem Bildungsauftrag trotz schwieriger Rahmenbedingungen und acht Sanierungspaketen nach. Die Aufgaben der Volksschule und des Kindergartens würden nach wie vor erfüllt: «Die Erziehungsdirektion weist Vorwürfe von Elternräten zurück und weist darauf hin, dass das bernische Bildungswesen sich im schweizerischen Vergleich durchaus zeigen kann.» In den kommenden Jahren stehe die Konsolidierung der Volksschule im Vordergrund.

Der Kanton Bern weist laut Erziehungsdirektion den höchsten Bilanzfehlbetrag aller Kantone in der Schweiz auf. Um diesen abzubauen, sei die Sanierung der Kantonsfinanzen seit dem 1993 mit insgesamt acht Massnahmenpaketen vorangetrieben worden. Sie hätten bewirkt, dass sich die Schuldenlast des Kantons Bern um 800 Millionen Franken reduziert habe. Das Bildungswesen, für welches der Kanton Bern über 28 Prozent der Staatsausgaben einsetze, habe einen Anteil von rund 130 Millionen Franken an die Sanierungsmassnahmen leisten müssen. Auch im vergangenen Jahrzehnt habe das bernische Bildungswesen neue Aufgaben übernehmenmüssen, die in neuen Lehrplänen für die Volksschule und den Kindergarten festgehalten würden: «Dass die Umsetzung der Bildungsreformen und der Sparbeschlüsse gleichzeitig erfolgen musste, hat sich als äusserst anspruchsvolles Unterfangen erwiesen.» Doch die Erziehungsdirektion des Kantons Bern sei überzeugt, dass die wesentlichen Aufgaben der Volksschule und des Kindergartens nach wie vor erfüllt würden, und weise die von Elternräten in einer Petition erhobenen Vorwürfe als ungerechtfertigt zurück: «Gewährleistet sind insbesondere das Angebot des umfassenden obligatorischen Unterrichts gemäss Lehrplan 1995, ein ausreichendes fakultatives Unterrichtsangebot, das Sicherstellen von Kleinklassen und Spezialunterricht sowie ein Unterstützungs- und Förderungsangebot für die Integration von Fremdsprachigen.»

Über zwei Milliarden Franken für die Bildung

Gemäss Voranschlag stehen nach Angaben der Erziehungsdirektion im Jahr 2001 für das Bildungswesen 2,255 Milliarden Franken zur Verfügung. Der Anteil von Volksschule und Kindergarten belaufe sich auf eine knappe Milliarde Franken (42 Prozent). Auch in Zukunft sollen die zur Verfügung stehenden Mittel effizient und zielgerichtet eingesetzt werden. In den kommenden Jahren stehe für die Erziehungsdirektion die Konsolidierung der Volksschule im Vordergrund: «Diese Zielsetzung ändert nichts am Grundsatz, dass die Volksschule gesellschaftliche Entwicklungen aufnehmen und bei der Erfüllung neuer Aufgaben wie Gesundheitserziehung und -förderung, Suchtprävention, Informatikunterricht usw. entsprechende Anpassungen vornehmen muss.»

Unterdurchschnittliche Klassengrössen

Zwischen den Jahren 1992 und 1995 wurde laut Erziehungsdirektion – wie vom Regierungsrat angeordnet – die Zahl der Schulklassen um 200 reduziert: «Die Erziehungsdirektion weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Richtzahlen für die Klassengrössen nicht verändert wurden, sondern dass lediglich die Anzahl Klassen mit Schülerzahlen im unteren Überprüfungsbereich reduziert wurde.» Die durchschnittliche Klassengrösse sei deshalb bei der Primarstufe von 17,4 (1989/1990) auf 19,5 Schüler (1999/2000) gestiegen. Demgegenüber sei die durchschnittliche Klassengrösse bei der Sekundarstufe I von 19,1 (1989/1990) leicht auf 19,0 (1999/2000) Schüler gesunken: «Während dieser Zeitspanne lagen die durchschnittlichen Klassengrössen des Kantons Bern sowohl bei der Primarstufe als auch bei der Sekundarstufe I unter dem schweizerischen Durchschnitt von 20,1 für die Primarstufe (Kanton Bern 19,5) und von 19,1 bei der Sekundarstufe (Kanton Bern 19,0). Bisher nicht erfüllt werden konnte der Auftrag des Regierungsrats, angesichts sinkender Geburtenzahlen und als weitere Massnahme zur Haushaltsanierung bis ins Jahr 2003 weitere 30 Klassen zu schliessen.» Da die Richtzahlen für die Klassengrössen nicht verändert worden seien, hielten sich zurzeit Klasseneröffnungen und -schliessungen die Waage.

Fakultativer und zusätzlicher Unterricht

Im obligatorischen Unterricht wurde laut Medienmitteilung mit dem Lehrplan 1995 für die Schüler im Durchschnitt eine Lektion abgebaut. Auf der Sekundarstufe I seien Lektionen vom obligatorischen in den fakultativen Unterricht verschoben worden: «Keine Lektion wurde im Wahlfachunterricht gestrichen. Im fakultativen Unterrichtsangebot, bei den Kleinklassen und dem Spezialunterricht sowie beim Unterstützungs- und Förderangebot für die Integration von Fremdsprachigen wurden die Vorgaben nicht geändert, sondern es wurden lediglich die Bewilligungen für abteilungsweisen Unterricht im 1., 5. und 6. Schuljahr für kleine Klassen stärker als zuvor von Mindestschülerzahlen abhängig gemacht.» Kein Abbau von Lektionen habe beim Spezialunterricht wie Logopädie und Legasthenie stattgefunden. Die 1997 festgelegte Quote entspreche dem damals im kantonalen Durchschnitt beanspruchten Angebot. Die Plafonierung sei als Beitrag zur Haushaltsanierung festgelegt worden «und sollte dazu dienen, die ständig steigende Nachfrage nach Spezialunterricht besser zu steuern und eine gerechte Zuteilung zu ermöglichen». Jetzt habe die Erziehungsdirektion einen Bericht in Auftrag gegeben, der die besonderen pädagogischen Massnahmen in der Volksschule unter die Lupe nehmen soll.

Im Zusammenhang mit dem Sparauftrag 1996 des Regierungsrats an die Erziehungsdirektion, 3,8 Prozent der Gesamtlektionenzahl abzubauen, gab es laut Medienmitteilung keinen direkten Auftrag an die Schulen, beim Zusatzunterricht
zum Beispiel bei musischen Fächern oder beim Deutschunterricht für Fremdsprachige Lektionen abzubauen beziehungsweise einzusparen. Die Erziehungsdirektion schliesse indessen nicht aus, dass in einzelnen Schulen ein solcher Abbau tatsächlich stattgefunden habe. Nicht gespart werde hingegen bei der Begabtenförderung. Im Rahmen des Schulversuchs «Förderung besonders begabter Schülerinnen und Schüler in der Volksschule» stünden in den Jahren 2000 bis 2003 erstmals jährlich 250'000 Franken zur Verfügung. Intensiviert werde auch die Informatikausbildung an den Volksschulen. Die Erziehungsdirektion habe ein entsprechendes Projekt in Auftrag gegeben.

Aufgaben von Kanton und Gemeinden

Die Beschaffung und Finanzierung der Lehrmittel für die Schüler sei seit jeher Aufgabe der Gemeinde, erinnert die Erziehungsdirektion in ihrem Schreiben. Der Kanton entscheide lediglich, welche Lehrmittel im Unterricht zwingend zu verwenden und welche gestattet seien. Auch Leistungen an Schulreisen, Projektwochen und so weiter seien seit jeher Gemeindeaufgabe gewesen. Seit dem Schuljahr 1998/1999 entrichtee der Kanton für den freiwilligen Schulsport und für den Betrieb von Volksschulbibliotheken und -mediotheken keine Beiträge mehr an die Gemeinden. Im Rahmen der Teilrevision des Volksschulgesetzes werde neu zudem der schulzahnärztliche Dienst ausschliesslich in den Aufgabenbereich der Gemeinden fallen. Mehrbelastungen für die Gemeinden ergäben sich auch im Bereich der Schulbauten: «Im Gegenzug bewirkt die Übernahme der Erziehungsberatungsstellen sowie der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste eine namhafte Entlastung der Gemeinden.»



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